Auf der Suche nach theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle

0. Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung
2. Der ’heuristische’ Ansatz
3. Der ’induktive’ Ansatz
4. Antworten
5. Bibliographie
 
1. Einleitung
Trotz rund zweieinhalbtausend Jahren Geschichtsschreibung sind die theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle umstritten geblieben. Zwei sich diametral gegenüberstehende Positionen haben sich im Laufe der Zeit entwickelt: Einerseits eine Annäherung an die Erklärungsmodelle der Naturwissenschaften mit einem universalen Gültigkeitsanspruch, andererseits eine Distanzierung von diesen Erklärungsmodellen und deren Gültigkeitsansprüchen mit der Begründung, dass Natur- und Geisteswissenschaften theoretisch grundsätzlich autonom zu behandeln seien.
Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, welche Antworten einem Historiker auf der Suche nach theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle heute gegeben werden können. Als Ausgangslage dazu sollen die zwei vielleicht populärsten Vertreter der oben genannten Extrempositionen dienen, nämlich Hempel mit seinem ‚induktiven’ und Collingwood mit seinem ‚heuristischen’ Ansatz. Mit der Präsentation und Kritik dieser beiden Ansätze dürfte das Feld der theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle grundsätzlich abgesteckt werden.
 
2. Der ’heuristische’ Ansatz
Robin Collingwood betrachtet Geschichte als autonome Disziplin mit eigenen Verfahren und Modellen: Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Erklärungen hätten historische Erklärungen keinen universalen Gültigkeitsansprüchen zu genügen. Um historische Wirkungen zu verstehen, sei es vielmehr nötig, die Gedanken der jeweiligen historischen Akteure als Ursache aufzudecken. Diese spezifischen Gedanken müssten dann vom Historiker ‚nachgedacht’ werden, was die Rekonstruktion der jeweiligen Situationen, in der sich die Akteure befunden hätten, wie auch ihre individuelle Wahrnehmung derjenigen mit einschliesse. Erst nach diesem ‚Nacherleben’ sei das Verstehen und Beurteilen von bestimmten historischen Ereignissen möglich.1
Spontan wirkt dieser ‚heuristische’ Ansatz etwas naiv: Wie soll jemand aus dem 21. Jahrhundert eine Situation und deren Wahrnehmung aus beispielsweise der frühen Neuzeit ‚nacherleben’ können? Die Werte, Vorstellungen und Gefühle der beiden Zeiten, Welten scheinen zu verschieden zu sein. Und wie soll jemand die Gedanken eines vor Jahrhunderten verstorbenen Akteurs ‚nachdenken’ können? Zu wenig scheint über die Akteure bekannt, zu individuell und damit unberechenbar scheinen wir Menschen veranlagt zu sein. Und falls dieses ‚Nacherleben’ gelingen sollte, würde dies nicht jede objektive Kritik ausschliessen?
Diese spontanen Vorwürfe würde Collingwood mit dem Argument zurückweisen können, dass diese Fähigkeiten (der Rekonstruktion der Gedanken, Situationen und Wahrnehmungen auf der Basis der Werte, Vorstellungen und Gefühle der jeweiligen Zeit unter Einhaltung der nötigen Objektivität) von der Qualifikation des jeweiligen Historikers abhängen: Ein guter Historiker habe diese Fähigkeiten aufzuweisen, ein schlechter nicht. Die praktische Umsetzung des ‚Nacherlebens’ mag deshalb fragwürdig sein, prinzipiell in Frage stellt diese Kritik den ‚heuristischen’ Ansatz jedoch nicht.
Tatsächlich haftet Collingwoods Ansatz ein viel grundsätzlicherer Mangel an: Historische Erklärungsmodelle auf der Basis des ‚Nacherlebens’ kommen nicht über ein akteurbezogenes Geschichtsverständnis hinaus. Bei einer Untersuchung beispielsweise der Bartholomäusnacht können nur die Gedanken der Akteure untersucht werden, also zum Beispiel die Gedanken Katharinas von Medici. Auf diese Art können ihre Intentionen erfasst und sie als Urheberin der Massaker genannt werden. Vielleicht wäre die Untersuchung der Gedanken irgendeines Teilnehmenden an den Massakern möglich. Dann könnten die Beweggründe für diesen speziellen Teilnehmenden eruiert werden, beispielsweise Hass auf die Protestanten. Strukturelle Ursachen wie die allgemeinen wirtschaftlichen, politischen und religiösen Entwicklungen, zeitlich bedingte Eigenheiten wie Aggressionspotenziale, Ungehorsam oder Fanatismus können als eigenständige Erklärungen aber nicht berücksichtigt werden. Kurz: Der Historiker kann auf diese Art eine Geschichte erzählen, vielleicht sogar erklären, weshalb ein bestimmter Akteur in einer bestimmten Situation eine bestimmte Handlung vollzogen hat. Aber ein historisches Ereignis als ganzes kann mit diesem Ansatz kaum erfasst und bestimmt nicht erklärt werden. Aus diesem Grund darf ein solch akteurbezogenes Geschichtsverständnis heute auch als überholt bezeichnet werden.
Collingwoods ‚heuristischer’ Ansatz beinhaltet also nicht nur praktische Unzulänglichkeiten, sondern versagt aufgrund seiner Akteurbezogenheit prinzipiell als theoretische Grundlage für historische Erklärungsmodelle, sobald historische Ereignisse als ganzes erklärt werden sollen. Die Geschichte als autonome Disziplin des ‚Nacherlebens’ kann deshalb in dieser extremen Form heutigen Ansprüchen sicherlich nicht gerecht werden.
 
3. Der ’induktive’ Ansatz
Carl Hempel hat historischen wie naturwissenschaftlichen Erklärungen die gleichen theoretischen Grundlagen und universalen Gültigkeitsansprüchen zugeschrieben: Historische Wirkungen und deren Ursachen dienten als Experimente, anhand derer Theorien aufgestellt, Beweise geführt und Regeln abgeleitet werden könnten. Diese Regeln seien bis zu einer universalen Gültigkeit logisch zu verifizieren und falsifizieren, gültige historische Regeln müssten letztlich dem Prinzip „gleiche Ursache, gleiche Wirkung“ entsprechen. Als wissenschaftliche Erklärungen akzeptabel seien also nur logisch-induktiv bewiesene Regeln mit universaler Gültigkeit.2
Spontan wirkt dieser ‚induktive’ Ansatz sehr überzeugend: Das logisch-induktive Verfahren sowie der universale Gültigkeitsanspruch vermögen unserem Bedürfnis nach einer vollständigen wissenschaftlichen Erklärung durchwegs gerecht zu werden. Im Gegensatz zu Collingwood liefert Hempel auch die theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle, die Ereignisse als ganzes erfassen und erklären können. Wie aber sehen die von ihm angesprochenen Regeln konkret aus?
Hempel präsentiert verschiedene, naturwissenschaftlichen Erklärungen entliehene Modelle. Allen gemeinsam ist jedoch, dass es sich prinzipiell um Implikationen handelt: Eine bestimmte Ursache impliziert eine bestimmte Wirkung („wenn Antecedens, dann Konsequens“). Diese zunächst triviale logische Struktur birgt bei der Schaffung von historischen Erklärungen massive Schwierigkeiten, setzen Implikationen doch Kausalität zwischen Ursache und Wirkung voraus: Wie nämlich soll anhand historischer Ereignisse bewiesen werden, dass eine konkrete Ursache kausal relevant für eine bestimmte Wirkung ist? War die von Katharina von Medici organisierte Ermordung General Colignys der Auslöser für die Massaker der Bartholomäusnacht? Welche zusätzlichen Ursachen waren für den Ausbruch der Massenmorde notwendig? Und welche Bedingungen mussten gegeben sein, damit jene Ursachen diese ganz bestimmte Wirkung hervorrufen konnten?
Die Realität ist dermassen komplex, dass die Untersuchung der kausalen Relevanz jeder einzelnen Ursache-Wirkung-Beziehung ein beinahe endloses Unterfangen zu werden droht (Hat nicht das verkohlte Croissant am Morgen davor Katharina von Medicis Laune zusätzlich verdorben und damit den Entscheid zur Ermordung General Colignys mitausgelöst?). Ausserdem wäre die einzige Möglichkeit für einen Beweis kausaler Relevanz zwischen einer bestimmten Ursache und einer bestimmten Wirkung die exakt gleiche Situation, bei der einzig die Ursache wegfällt und die Wirkung nicht auftritt (‚ceteris paribus‘); Ein solcher Beweis kann aber offensichtlich nicht erbracht werden. Die Komplexität der Realität und die Unmöglichkeit von Beweisen scheinen die praktische Umsetzung des ‚induktiven’ Ansatzes damit zu verhindern.
Hempel würde das Problem der Kausalität jedoch mit dem gleichen Argument entkräften können wie Collingwood oben die an ihn gerichteten spontanen Vorwürfe, nämlich dass diese Fähigkeiten (des Nachweises von kausaler Relevanz zwischen einer bestimmten Ursache und einer bestimmten Wirkung anhand von beispielsweise kausalitätstheoretischen Grundlagen) von der Qualifikation des jeweiligen Historikers abhängen. Gleich dem ‚heuristischen’ ist damit beim ‚induktiven’ Ansatz die praktische Umsetzung problematisch, stellt den Ansatz prinzipiell aber nicht in Frage.
Wie Collingwoods Ansatz scheitert auch derjenige Hempels letztlich an einem theoretischen Mangel: Könnte nämlich eine kausal relevante Ursache-Wirkung-Beziehung nachgewiesen werden, müsste diese in die Form einer universal gültigen Regel gebracht werden. Versucht die Regel aber die Komplexität der Realität wiederzugeben, wird sie auf keinen Fall universale Gültigkeit beanspruchen können, ganz nach dem Prinzip „je komplexer, desto spezifischer“. Versucht die Regel hingegen zu vereinfachen, wird sie die Form von Gemeinplätzen einnehmen, ganz nach dem Prinzip „je einfacher, desto trivialer“. Es scheint also nicht möglich zu sein, eine historische Erklärung (eine bewiesene Ursache-Wirkung-Beziehung eines historischen Ereignisses) in die Form einer universal gültigen Regel zu bringen.
Tatsächlich ist dieser Vorgang nicht möglich, was bei genauerer Betrachtung auch nicht weiter erstaunt: Wären Historiker nämlich in der Lage, aus historischen Ereignissen universal gültige Regeln herzuleiten, könnten sie nicht nur die vergangenen, sondern auch die gegenwärtigen Ereignisse erklären, ja sogar die zukünftigen voraussagen. Ausserdem wären solche Regeln der Beweis für die Determiniertheit der Menschen: Handelt ein Mensch in einer bestimmten Situation nach einer bestimmten Regel, wird ihm die Handelsfreiheit, also die Möglichkeit, einen individuellen Willen zu entwickeln und damit eine individuelle Handlung zu begehen, abgesprochen. Aus diesem Grund dürfte es kaum gelingen, universal gültige Regeln aus historischen Erklärungen herzuleiten.
Wie Collingwoods ‚heuristischer’ beinhaltet demnach auch Hempels ‚induktiver’ Ansatz praktische Unzulänglichkeiten. Der Ansatz scheitert aber an der propagierten universalen Gültigkeit, der notwendige Verzicht auf den universalen Gültigkeitsanspruch lässt ihn schliesslich zu einem simplen logischen Verfahrenshinweis verkommen. Die Gleichstellung der Geschichtswissenschaft mit den Naturwissenschaften ist deshalb in dieser extremen Form heute sicherlich auch nicht vertretbar.
 
4. Antworten
Ich habe mich mit dieser Arbeit auf die Suche nach theoretischen Grundlagen für historische Erklärungsmodelle begeben und mit den Extrempositionen von Hempel und Collingwood  dieses Feld grob abstecken wollen. Welche Antworten können nun aus der Präsentation und Kritik der beiden Ansätze gewonnen werden?
Eine gefühlsbetonte, ‚heuristische’ Fokussierung auf die historischen Akteure, ein ‚Nacherleben’ der spezifischen historischen Gedanken und Situationen ohne jegliche allgemeine logisch-induktive Beweisführung vermag den Ansprüchen an die heutige Geschichtswissenschaft nicht zu genügen, während eine Loslösung von allen spezifischen Merkmalen bestimmter Akteure, Gedanken und Situationen mit dem Ziel, universal gültige Regeln schaffen zu können, bereits theoretisch versagt. In dieser extremen Form lassen sich also beide Positionen heute nicht mehr vertreten.
Trotzdem bleiben die grundsätzlichen Ansätze beider Positionen aktuell: Hempels Forderungen nach strukturierten logischen Beweisführungen müssen konsistenter und praktikabler formuliert, Collingwoods Distanzierung von Zuhilfenahmen gängiger und bewährter wissenschaftlicher Instrumente anderer Disziplinen muss überwunden werden. Eine Annäherung und Vermischung der beiden Positionen, wie von verschiedenen Wissenschaftstheoretikern bereits geschehen, scheint deshalb durchaus sinnvoll zu sein.
 
5. Bibliographie
Collingwood, Robin George: History As Re-Enactment Of Past Experience in: Gardiner, Patrick: Theories Of History, New York 1959, S. 249-262.
Hempel, Carl G.: Explanation In Science And In History in: Dray, William H.: Philosophy Of History, New Jersey 1964, S. 95-126.
 

 
1 Collingwood: History As Re-Enactment Of Past Experience, S. 249-262.
2 Hempel: Explanation In Science And In History, S. 95-126.